DIE SCHULDLOSEN

DIE SCHULDLOSEN

Hermann Broch

Roman in elf Erzählungen

„Um jene Zeit begann man in ganz Deutschland Protestversammlungen gegen die Einsteinsche Relativitätstheorie abzuhalten, die man, zumindest in der Ansicht nationalgesinnter Kreise, allzulange stillschweigend geduldet hatte. Zacharias wusste zwar, daß Einstein viele Anhänger innerhalb der Sozialdemokratischen Partei und ihrem Vorstand besaß, ja, daß selbiger, hätte eine Abstimmung stattgefunden, sich vermutlich einhellig für die Relativitätstheorie ausgesprochen hätte, und fast fühlte er sich, nicht ohne fachmännischen Stolz, als Rebell, weil er die Protestversammlungen trotzdem besuchte, herausstreichend, daß er als Mathematiker und Schulmann hierzu sowohl berechtigt wie verpflichtet sei.“

Auf Hermann Broch bin ich durch einen Zufall gestoßen. Vor ein paar Jahren habe ich einem Schauspieler einige Bände mit Theaterstücken abgekauft, die er vor einem Umzug loswerden wollte. Einige der Titel waren mir vertraut und ich fand es gut, sie in gebundener Form griffbereit zu haben, einige habe ich aufs Geratewohl mitgenommen. Zur zweiten Kategorie gehörte das Buch Dramen von Hermann Broch. Ich kannte keinen Text von Broch, er war mir während des Studiums weder in der Theater- noch in der Literaturwissenschaft untergekommen, und in den Spielplänen tauchen seine Stücke eh nicht auf. (Wer mir mit Programmheft oder Eintrittskarte nachweisen kann, jemals ein Drama von ihm auf der Bühne gesehen zu haben, dem backe ich persönlich einen Guglhupf, denn Broch war Wiener.) Der Name Hermann Broch war mir aber immerhin soweit bekannt, dass ich dahinter eine jener Bildungslücken vermutete, die man bei Gelegenheit dezent schließen sollte, bevor man reinfällt. Und 1,- € pro Buch, das ist ja eine Gelegenheit.

„An und für sich freilich war er von der Einsteinschen Lehre, außer daß sie ihn durch Schwerverständlichkeit abstieß, nur wenig berührt, denn sie war ja noch nicht in den Lehrplan der Gymnasien aufgenommen worden; doch gerade daß hatte verhütet zu werden, gleichgültig wie es mit ihrer Richtigkeit oder Unrichtigkeit als solcher bestellt sein mochte. Wie konnte man seinen Lehrberuf ausüben, wenn man gezwungen werden sollte, unaufhörlich neuen Stoff zuzulernen? Hieß das nicht, dem Schüler freie Hand zur Aufwerfung vorwitziger, verlegenheitsträchtiger Fragen zu geben?“

Zum Glück tun sich ja beim Schließen jeder Bildungslücke gleich fünf neue auf und so bin ich, durch die Dramen einmal neugierig geworden, schließlich auf Hermann Brochs Roman Die Schuldlosen aufmerksam geworden. Den musste ich dann neu erwerben. Beide Broch-Bücher, die ich jetzt besitze, sind Teil der kommentierten Werkausgabe, die der längst emeritierte, ehemals in den USA lehrende Germanist Paul Michael Lützeler in den 70er und 80er Jahren im Suhrkamp Verlag herausgegeben hat. Das ältere Exemplar von 1979 ist ein solides Taschenbuch mit Umschlag aus gestrichenem Leinen, wie man sich das von einer Werkausgabe bei Suhrkamp eben erwartet. Die Neuerwerbung, erste Auflage dieser Ausgabe 1994, ist ein durch und durch trauriger Anblick. Die Nachfrage nach Brochs Büchern scheint in der Zwischenzeit so nachgelassen zu haben, dass sie von Suhrkamp nicht mehr auf Vorrat produziert werden. Falls doch mal jemand eines haben möchte, so wie ich, dann wird in Norderstedt bei Books on Demand die Presse angeschmissen. Eigenwerbung: „Werden Sie AutorIn mit BoD und gestalten Sie Ihr Buch genau so, wie Sie es sich vorstellen.“ Bei Suhrkamp ging die Vorstellung offensichtlich in Richtung zusammenklebender Seiten, die man beim Umblättern gewaltsam auseinanderreißen muss.

„Die Schuldlosen“ – Hermann Broch

Eine derart miserabel gedruckte Werkausgabe wünscht man niemandem. Inhaltlich ist nichts auszusetzen. „Kommentierte Ausgabe meint hier ein Doppeltes“, erläutert eine editorische Notiz in den Schuldlosen: neben den erklärenden Anmerkungen des Herausgebers sind auch „die essayistischen Selbstkommentare“ Brochs mitabgedruckt. Diese begleitenden Kommentare gibt es zu jedem veröffentlichten Text von Broch und alle, die ich gelesen habe, sind mindestens so interessant wie die kommentierte Literatur. Manchmal hatte ich auch den Eindruck, dass die Literatur den Essay begleitet, nicht umgekehrt. Es sind keine Leseanweisungen, wie der Autor verstanden werden will, sondern grundsätzliche Reflexionen über die Möglichkeit, in individuellen Erlebnissen soziale Mechanismen zu beschreiben und mit literarischem Schreiben Gesellschaft zu untersuchen. Fortlaufend setzt er sich mit der literarischen Avantgarde, besonders mit der Erzähltechnik von James Joyce, auseinander und arbeitet sich an einer zeitgemäßen Reaktion auf „die Forderung nach Totalität der Darstellung“ ab. Einfach abgeschrieben wird dieser Anspruch bei aller Problematik nicht. Dass Wirklichkeit in eine Pluralität von Perspektiven zerfällt und kein neutraler Erzähler sie in eine objektive Ordnung zu bringen vermag, ist ja auch nur das eine; dass diese verschiedenen Wahrnehmungen in einem gemeinsamen sozialen Raum aufeinanderkrachen das andere – und dieser Konflikt zieht sich thematisch durch Brochs Werk. Die elaborierte Auseinandersetzung mit ethisch-religiösen Fundamentalfragen verschlingt sich in seinen Texten deshalb mit psychologischer Beobachtung und politischer Zeitdiagnostik. Im Zentrum seiner literarischen Analysen stehen die historisch spezifischen Mentalitäten, auf denen die politischen Katastrophen, allen voran der Faschismus, gründen.

„Hatte der Lehrer nicht wohlbegründeten Anspruch auf Wissensabgeschlossenheit? Wozu denn sollte die Lehrbefähigungsprüfung dienen? Niemand wird bezweifeln, dass diese ein Meilenstein ist, anzeigend, daß die Periode des Lernens ihr Ende erreicht hat und daß nunmehr die des Lehrens beginnt, und unstatthaft ist es daher, darüber hinaus den Lehrer noch weiter mit neuen Theorien behelligen zu wollen und gar mit solchen, die wie die Einsteinsche selber noch umstritten sind!“

Programmatisch konstatiert Broch: „Der Roman Die Schuldlosen schildert deutsche Zustände und Typen der Vor-Hitlerperiode. Die hierfür gewählten Gestalten sind durchaus `unpolitisch´; soweit sie überhaupt politische Ideen haben, schweben sie damit im Vagen und Nebelhaften. Keiner von ihnen ist an der Hitler-Katastrophe unmittelbar `schuldig´. Trotzdem ist gerade das der Geistes- und Seelenzustand, aus dem – und so geschah es ja – das Nazitum seine eigentlichen Kräfte gewonnen hat. Politische Gleichgültigkeit nämlich ist ethischer Perversion recht nah verwandt.“

Zusammengesetzt ist der Roman aus ganz disparaten Texten. Als Prolog steht die kabbalistisch inspirierte Parabel von der Stimme voran. Die elf folgenden Erzählungen werden zu Gruppen strukturiert durch drei einleitende, gesangähnliche Langgedichte – Stimmen 1913, Stimmen 1923, Stimmen 1933 – die in sich durchkreuzenden, überlagernden Tönen die Atmosphäre des jeweiligen Epochenumbruchs einfangen. Jede Erzählung hat zunächst autonomen Status und kann auch für sich alleinstehend gelesen werden. Einzelne Figuren tauchen aber in anderen Erzählungen wieder auf, Wege überkreuzen sich, Motive kommentieren sich wechselseitig und in der Relektüre erschließen sich neue Zusammenhänge.

„In diesem Sinne äußerte er sich in der Versammlung, und wenn auch seine gemäßigt scharfe Rede manchem Heißsporn zu gemäßigt und zu wenig scharf war, so daß er einige Male das Wort `Judenknecht´ zu hören bekam, seine Ablehnung ungesunder Neuerungssucht im Wissenschaftsbetrieb – `Wir wollen fortschrittlich, aber nicht modisch sein!´ – erntete im allgemeinen doch reichliche Zustimmung, und in der darauffolgenden Debatte, welche recht lebhaft, ja stürmisch wurde, da die Einstein-Anhänger auf sachliche Auseinandersetzung und sachliche Begründung drangen, durfte er nochmals aufstehen und empört fragen, ob seine Ausführungen etwa unsachlich gewesen seien.“

„Die Handlung ist von so komplizierter Einfachheit, daß ihre Wiedergabe nicht leicht ist“, kommentiert Broch selber. Es sind verhältnismäßig unspektakuläre Begebnisse in einer namenlosen, mittelgroßen Stadt in Deutschland. Ein Trio aus Mutter, Tochter – nach dem Ersten Weltkrieg in die Mittelschicht herabgesunkener Kleinadel – und ihrer Haushälterin macht sich das Leben gegenseitig nach Kräften schwer. Ein durch Spekulation reich gewordener Holländer sucht die Geborgenheit eines Zuhauses und zerstört auf dem Weg dorthin ein junges Mädchen. Ein spießbürgerlicher Studienrat erläutert auf nächtlicher Sauftour die historische Aufgabe der deutschen Nation, bevor er sich daheim mit dem Staubwedel den Hintern versohlen lässt. Ein Werkzeugmacher gibt, von der Not der Inflation gedrückt, die Selbstbindung an ökonomische Sicherheit auf und nimmt als Wanderimker immer prophetenhaftere Züge an. Mit losem Bezug lassen sich Konstellationen des Don-Juan-Mythos als Grundlage des Figurentableaus ausmachen. Die Ökonomisierung der zwischenmenschlichen Verhältnisse und die kalte Vereinzelung verwickeln sich mit der Sehnsucht nach Bindung und vermeintlich sicheren, verlorenen Ordnungen zu einem irrationalen Geflecht, in dem sich die Figuren verfangen haben. Immer deutlichere Konturen bekommt dabei die Frage nach der Möglichkeit einer verbindlichen Ethik ohne metaphysisches Fundament, einer Ethik, die in der Lage wäre, die Gleichgültigkeit zu kontern. Von Text zu Text wechselt dabei der Darstellungsmodus – von zarten, einfühlenden Schilderungen zu satirischem Spott, von scharfen Analysen zu hymnischer Anrufung.

„Nichtsdestoweniger war er vom Resultat nicht befriedigt. Offenbar hatten die Leute bemerkt, daß ihm seine sozialdemokratische Parteizugehörigkeit eine zwiespältige Einstellung zur Relativitätstheorie auferlegte, und so kümmerte sich nach Schluß der Veranstaltung keine der beiden Gruppen um ihn.“

Einige der Texte aus den Schuldlosen sind schon 1913 entstanden. Da leitete der 1884 geborene Textilingenieur Broch noch die väterliche Fabrik. Erst mit Anfang vierzig gab er die Unternehmerexistenz auf, studierte noch einmal Mathematik, Philosophie und Psychologie und verlegte sich ganz aufs Schreiben. Die Romantrilogie Die Schlafwandler über den Weg der wilhelminischen Gesellschaft in den Ersten Weltkrieg machte ihn Anfang der 30er Jahre berühmt. Nach der Veröffentlichung der Schlafwandler arbeitete er an einer Sammlung von Erzählungen, die er zu einem Novellenroman mit kohärenter Thematik umkonzipierte. Fünf der elf Erzählungen aus den Schuldlosen stammen aus dieser Phase. Nach der Besetzung Österreichs 1938 wurde der zum Katholizismus konvertierte Jude Hermann Broch umgehend verhaftet. Durch die Intervention prominenter Unterstützer gelang ihm über Großbritannien die Emigration in die USA. Dort griff er nach dem Krieg den Plan des Novellenromans wieder auf, überarbeitete die alten und montierte sie mit neuen. Die Schuldlosen erschien 1950, ein Jahr später starb Broch in New Haven. Der Roman hat mich derart begeistert, dass ich ihm ganz viele Leser:innen wünsche. So viele, dass er irgendwann nicht mehr im beleidigenden Billigdruck erscheinen muss.

„Er hatte sich aus seiner Sitzreihe herausgeschoben, und indem er den aus dem Saale strömenden Debattanten nachblickte, stellte er mit einiger Genugtuung fest, daß ihre Zahl nicht ausgereicht hatte, den Saal zu füllen. Eine schäbige Versammlung. Und es reute ihn, gekommen zu sein. Parteidisziplin ist Parteidisziplin, auch wenn man berechtigte Einwände gegen den Einstein hat.“

                      Hermann Broch: Die Schuldlosen. Roman in elf Erzählungen, kommentierte Werkausgabe, hrsg. von Paul Michael Lützeler, Bd. 5, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1994, 352 Seiten

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